Location Scouting: von der Kartensuche bis zur Genehmigung
Location Scouting ist der Teil der Vorbereitung, der am häufigsten unterschätzt wird — bis der Drehtag an einer Kleinigkeit hängt: Das Licht steht um 14 Uhr genau falsch, die Tiefgarage hat keinen Strom, oder der Hausmeister weiß von nichts.
Eine Location auszuwählen heißt nicht, ein schönes Bild zu finden. Es heißt zu prüfen, ob an diesem Ort zu dieser Uhrzeit mit dieser Crew tatsächlich gearbeitet werden kann — und ob es erlaubt ist. Dieser Beitrag geht den Ablauf durch: online vorauswählen, vor Ort prüfen, Genehmigung klären, Backup festlegen, ans Team geben.
Die zwei Fragen vor der Suche
Bevor du die erste Karte öffnest, entscheiden zwei Angaben, wonach du überhaupt suchst.
Wann wird gedreht? Nicht das Datum — die Uhrzeit. Eine Location, die morgens funktioniert, kann nachmittags im Schatten des Nachbargebäudes liegen. Ohne Zeitfenster suchst du nach einem Ort, nicht nach einer Aufnahmesituation.
Was muss dort möglich sein? Strom, Aufbauzeit, Parkplatz für den Transporter, eine Fläche zum Umziehen, Ton ohne Straßenlärm. Diese Liste entsteht aus Drehplan und Shotlist — und sie ist der eigentliche Suchfilter. „Schöner Altbau" ist keiner.
Schritt 1: Online vorauswählen
Der erste Durchgang passiert am Schreibtisch und dient dazu, aus zwanzig Möglichkeiten drei zu machen.
- Kartendienste mit Satelliten- und Straßenansicht. Die Straßenansicht zeigt dir Fassade, Umgebung und Zufahrt. Achte auf das Aufnahmedatum des Bildmaterials — Straßenansichten sind oft mehrere Jahre alt, und eine Baustelle ändert alles.
- Zeitachse der Kartendienste. Ältere Aufnahmen desselben Orts zeigen, wie die Location zu anderen Jahreszeiten aussieht. Ein Innenhof mit Laubbäumen ist im Februar ein anderer Ort als im Juli.
- Bildplattformen und Ortsmarkierungen. Wo schon fotografiert wurde, findest du Aufnahmen zu verschiedenen Tageszeiten — inklusive der Perspektiven, die andere gewählt haben.
- Location-Datenbanken. Es gibt Plattformen, die Drehorte vermitteln. Für ungewöhnliche Anforderungen oder kurzfristige Termine sparen sie echte Zeit, kosten aber Vermittlung oder Tagesmiete.
Am Ende dieses Schritts steht keine Entscheidung, sondern eine Shortlist mit drei bis fünf Adressen — und zu jeder eine offene Frage, die du vor Ort klären willst.

Schritt 2: Der Sonnenstand
Das ist der Punkt, an dem Online-Recherche an ihre Grenze kommt und trotzdem am meisten leistet.
Die Sonne steht zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort in einem berechenbaren Winkel — beschrieben über Azimut (Himmelsrichtung) und Elevation (Höhe über dem Horizont). Apps für Fotografen legen diesen Verlauf als Linie über die Karte, für jedes Datum und jede Uhrzeit.
Praktisch heißt das: Du prüfst nicht, ob die Location „gutes Licht hat", sondern ob sie zur geplanten Aufnahmezeit gutes Licht hat.
- Kommt das Licht von vorn, von der Seite oder von hinten?
- Steht das Motiv zur Drehzeit im Schatten eines Nachbargebäudes?
- Wo liegt die goldene Stunde an diesem Tag — und passt sie in den Drehplan?
- Bei Innenaufnahmen: Wann fällt direktes Licht durch welches Fenster?
Zwei Einschränkungen. Die Berechnung kennt das Wetter nicht — ein bedeckter Tag hebt die Richtung teilweise auf. Und sie kennt keine Verschattung durch Bäume oder Bauten, die nicht in den Kartendaten stecken. Deshalb ersetzt sie die Ortsbesichtigung nicht, sondern bereitet sie vor.
Schritt 3: Die Ortsbesichtigung (Recce)
Der Termin vor Ort heißt in der Produktion Recce, von *reconnaissance*. Er sollte möglichst zur geplanten Drehzeit stattfinden, sonst prüfst du eine andere Lichtsituation als die, in der du arbeiten wirst.
Was du festhältst — das Recce-Protokoll:
| Bereich | Worauf es ankommt |
|---|---|
| Licht | Richtung zur Drehzeit, Verschattung, Mischlicht von Leuchtstoff oder Neon |
| Strom | Steckdosen, Absicherung, Entfernung zum Set, ob Verlängerungen reichen |
| Ton | Straße, Lüftung, Hall, Nachbarschaft, Flugschneise, Kirchturm |
| Platz | Aufbaufläche, Deckenhöhe, Abstand für die Brennweite, Rangierraum |
| Zugang | Parken, Ladezone, Aufzug, Treppen, Türbreiten für Cases |
| Infrastruktur | Toilette, Umkleide, Aufenthalt bei Regen, Wasser |
| Zeitfenster | Wann ist die Location verfügbar, wer schließt auf und ab |
| Ansprechpartner | Name, Handynummer, Erreichbarkeit am Drehtag |
Dazu gehören Fotos. Nicht schöne, sondern nützliche: die Fläche mit dem Handy in der geplanten Brennweite, die Sicherungskasten-Position, die Zufahrt, der Raum als Panorama. Diese Bilder sind später die Grundlage für die Aufbauplanung — und dafür, dass Kollegen, die nie dort waren, wissen, was sie erwartet.
Der Punkt, an dem Recces meistens scheitern: Sie werden gemacht, aber nicht festgehalten. Drei Wochen später erinnert sich niemand, an welcher Wand die Steckdose war.
Schritt 4: Genehmigung und Rechtslage
Hier wird es konkret — und es lohnt sich, zwei Dinge auseinanderzuhalten: Wo darf ich stehen? und Was darf ich mit dem Bild machen?
Im öffentlichen Raum. Auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen darfst du dich aufhalten und fotografieren. Sobald aus dem Fotografieren aber eine Produktion mit Aufbau, Absperrung oder Fahrzeugen wird, ist das eine Sondernutzung — dafür verlangen Städte in der Regel eine Drehgenehmigung, oft gebührenpflichtig und mit Vorlauf. Die Zuständigkeit liegt meist beim Ordnungsamt oder einer Filmkommission.
Auf privatem Grund. Hier gilt das Hausrecht des Eigentümers oder Besitzers (§ 903 BGB). Das betrifft auch Orte, die öffentlich zugänglich *wirken*: Einkaufszentren, Bahnhöfe, Museen, viele Innenhöfe. Der Zutritt allein ist keine Drehfreigabe — die musst du dir geben lassen, am besten schriftlich, mit Datum, Zeitfenster und dem vereinbarten Nutzungszweck.
Die Panoramafreiheit. § 59 UrhG erlaubt es, urheberrechtlich geschützte Werke abzubilden und die Aufnahmen zu verwerten, wenn sie sich bleibend an öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen befinden. Bei Bauwerken gilt das nur für die äußere Ansicht. Zwei Einschränkungen sind in der Praxis entscheidend:
- Die Aufnahme muss vom öffentlich zugänglichen Ort aus entstehen. Wer dafür ein Privatgrundstück betritt, kann sich nicht auf § 59 berufen — auch dann nicht, wenn der Eigentümer das Betreten erlaubt hat.
- Ohne Hilfsmittel, die den normalen Standort verändern. Leiter, Hebebühne oder Drohne führen aus dem Anwendungsbereich heraus.
Property Release. Wenn ein fremdes Gebäude, Grundstück oder ein markantes Objekt erkennbar im Bild ist und die Aufnahme werblich genutzt wird, ist eine schriftliche Freigabe des Berechtigten üblich — vergleichbar mit dem Model Release bei Personen. Stockagenturen verlangen sie häufig.
Schritt 5: Die Backup-Location
Der Schritt, den fast alle auslassen — und der den Drehtag rettet, wenn er nötig wird.
Für jede Außenlocation brauchst du eine Antwort auf Regen. Für jede Location mit fremdem Zugang eine Antwort auf „der Schlüssel ist nicht da". Das Backup muss nicht gleichwertig sein, es muss nur die Aufnahmen ermöglichen, die an dem Tag zwingend entstehen müssen — die Muss-Shots aus der Shotlist.
Drei Dinge machen ein Backup brauchbar: Es ist in Reichweite, es ist genauso geklärt wie die Hauptlocation, und die Crew kennt es vorher. Ein Ausweichort, den erst am Drehtag jemand anruft, ist kein Backup.

Was das Scouting kostet
Location Scouting taucht in Kalkulationen selten als eigene Position auf — und fehlt dann im Angebot. Diese Posten entstehen tatsächlich:
- Deine Zeit. Online-Recherche plus Anfahrt plus Besichtigung. Bei drei Locations ist ein halber bis ganzer Tag realistisch.
- Fahrtkosten. Zur Recce und gegebenenfalls ein zweites Mal zur Drehzeit.
- Location-Gebühren. Tagesmiete bei vermittelten Drehorten, Nutzungsentgelt bei Museen, Bahnhöfen oder Privatimmobilien.
- Genehmigungsgebühren. Kommunal geregelt, mit Bearbeitungszeit — bei kurzfristigen Terminen der kritische Posten.
- Ausfallrisiko. Was passiert, wenn die Location am Drehtag nicht verfügbar ist? Diese Frage gehört ins Angebot, nicht in ein Gespräch am Drehtag.
Bei kleineren Aufträgen lohnt es sich, das Scouting als eigene Zeile auszuweisen, statt es im Tagessatz verschwinden zu lassen. Es macht sichtbar, dass Vorbereitung Arbeit ist.
Wann sich ein Location Scout lohnt
Es gibt Dienstleister, die Drehorte vermitteln oder die Suche komplett übernehmen. Das ist keine Konkurrenz zum eigenen Scouting, sondern eine Frage der Größenordnung.
Selbst scouten ist richtig bei einem oder zwei Drehorten in erreichbarer Entfernung, bei Locations, die du kennst, und bei Projekten, in denen die Location kein Risiko ist.
Ein Scout oder eine Datenbank lohnt sich, wenn die Anforderung ungewöhnlich ist (eine leerstehende Industriehalle mit Strom), wenn die Produktion in einer fremden Stadt stattfindet, wenn der Termin kurzfristig ist, oder wenn mehrere Motive an einem Tag abgedreht werden müssen und die Wege stimmen müssen.
Die ehrliche Rechnung: Ein Scouting-Tag kostet Geld, ein verlorener Drehtag kostet mehr.
Wie die Location zur Crew kommt
Eine geprüfte Location nützt nichts, wenn am Drehtag jemand im Mailverlauf nach der Adresse sucht.
Was am Drehtag gebraucht wird, steht im Callsheet: genaue Adresse, Zufahrt und Parken, Ansprechpartner mit Handynummer, Zeitfenster, Besonderheiten aus dem Recce-Protokoll. Die ausführlichen Notizen und Fotos gehören dorthin, wo auch der Rest der Produktion liegt — nicht in einen Ordner auf einem Laptop.
In Exportlab hängen Locations am Projekt in der Drehplanung, zusammen mit den Drehblöcken, die dort stattfinden. Am Drehtag sieht die Crew den aktuellen Block mit der zugehörigen Location statt eines PDFs vom Vorabend. Die Drehplanung ist derzeit in der Beta und wird pro Workspace freigeschaltet.
Ohne Software funktioniert dasselbe Prinzip: ein Blatt pro Location, immer mit denselben Feldern, abgelegt neben dem Drehplan statt daneben.
FAQ: Location Scouting
Was ist Location Scouting?
Die systematische Suche und Prüfung von Drehorten für eine Foto- oder Filmproduktion. Sie umfasst mehr als das Finden eines passenden Orts: Lichtsituation zur Drehzeit, Strom, Ton, Zugang, Zeitfenster, Genehmigung und ein Ausweichort gehören dazu.
Was macht ein Location Scout?
Ein Location Scout sucht im Auftrag einer Produktion passende Drehorte, besichtigt sie, dokumentiert sie fotografisch und klärt Verfügbarkeit, Kosten und Genehmigungen vor. Das Ergebnis ist eine Auswahl geprüfter Optionen mit allen Angaben, die die Produktion für eine Entscheidung braucht.
Brauche ich eine Genehmigung zum Fotografieren?
Das hängt davon ab, wo du stehst und was du vorhast. Im öffentlichen Raum ist Fotografieren grundsätzlich möglich; sobald aufgebaut, abgesperrt oder mit Fahrzeugen gearbeitet wird, verlangen Städte in der Regel eine Drehgenehmigung. Auf privatem Grund — auch in Einkaufszentren, Bahnhöfen oder Museen — gilt das Hausrecht, und die Erlaubnis muss vom Berechtigten kommen.
Was ist die Panoramafreiheit?
Nach § 59 UrhG dürfen Werke, die sich bleibend an öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen befinden, abgebildet und die Aufnahmen verwertet werden; bei Bauwerken nur die äußere Ansicht. Entscheidend ist, dass die Aufnahme vom öffentlich zugänglichen Ort aus entsteht — ohne Hilfsmittel wie Leiter oder Hebebühne und ohne ein Privatgrundstück zu betreten.
Wie finde ich eine Fotolocation in meiner Nähe?
Kartendienste mit Satelliten- und Straßenansicht für den ersten Durchgang, Bildplattformen mit Ortsmarkierung für Aufnahmen zu verschiedenen Tageszeiten, und lokale Fotogruppen für Orte, die nicht kartiert sind. Danach zählt nur die Besichtigung: Ob eine Location trägt, entscheidet sich vor Ort und zur geplanten Uhrzeit.
Wie lange dauert Location Scouting?
Für einen Drehtag mit einer Location ist ein halber Tag realistisch — Online-Vorauswahl, Anfahrt, Besichtigung. Kommen mehrere Motive, eine fremde Stadt oder Genehmigungen dazu, plant man in Tagen statt Stunden, weil Bearbeitungszeiten bei Behörden nicht verhandelbar sind.
Fazit
Gutes Location Scouting ist kein Suchen nach schönen Orten, sondern ein Ausschlussverfahren: Es klärt vorher, woran ein Drehtag scheitern könnte, und lässt am Ende die Locations übrig, an denen tatsächlich gearbeitet werden kann.
Die vier Punkte, die den Unterschied machen: Licht zur geplanten Uhrzeit prüfen statt allgemein, ein Recce-Protokoll mit immer denselben Feldern führen, Genehmigungen früh klären statt kurz vorher, und ein Backup festlegen, bevor man es braucht. Was davon am Drehtag gebraucht wird, gehört ins Callsheet — der Rest an dieselbe Stelle wie der Drehplan.


